Für eine Verkürzung der Wochen- und Lebensarbeitszeit von Erzieher*innen

Zu den kommenden Tarifverhandlungen für den Öffentlichen Dienst

von Kristina Engel-Gabriel*

Im vorigen Jahr ergriff mich die Panik. Ich war 61 Jahre alt geworden und völlig ausgebrannt. Ich würde aber noch fünf Jahre in meinem Beruf als Kita-Erzieherin arbeiten müssen. Das auch noch bei sich verschärfenden Arbeitsbedingungen.
Wir Erzieher*innen1 sind das Zugpferd der Arbeitskämpfe im Öffentlichen Dienst. Wir haben einen relativ hohen Organisationsgrad in ver.di und sind recht streikbereit. Allerdings haben wir in den letzten fünf Jahren nicht gerade Durchbrüche erzielen können, weder in Fragen der Tarife, noch der Aufwertung unseres Berufes, noch der Arbeitsbedingungen.
In meiner Kita ist die Belegung der Gruppen so hoch wie noch nie in den letzten Jahren. 25 Kinder in einem Raum ist der Normalzustand – Stichwort Überbelegung. Vorgesehen sind für einen Gruppenraum in unserer Kita 2 Erzieher*innen. Wenn man bedenkt, dass eine Kraft an 30 Tagen wegen Urlaubs fehlt und man dann noch dazurechnen muss, dass im Schnitt die Krankheitstage in unserer Kita bei über 30 Tagen liegen, versteht sich, dass man mehr als 60 Öffnungstage mit 25 Kindern alleine bleibt. Kann man sich den Lärmeintrag und die Arbeitsbelastung als Außenstehende vorstellen?
In meiner Panik zum Ende meines Arbeitslebens habe ich herausgefunden, dass es eine Milderung meines Problems geben könnte: Altersteilzeit2. Diese Möglichkeit sieht der TvöD allerdings nur für 3% der Beschäftigten und unter bestimmten Voraussetzungen und auch noch mit finanziellen Einbußen vor. Immerhin, mein Antrag kam durch. Jetzt muss ich also von den verbleibenden 5 Jahren noch 2,5 Jahre arbeiten.
Alles gut? Alles gerettet? Nein, der Dauerlärm zeigt Wirkung: Jetzt hat mich ein Hörsturz ereilt. Bei mir kam es erst mit 61 Jahren, bei Kolleg*innen kommt er nicht selten 20 Jahre früher.
In diesem Jahr wird es wieder Tarifverhandlungen für den Öffentlichen Dienst geben.
Meine Forderung als ver.di-Aktive wird sein:

  • Verkürzung der Wochenarbeitszeit
  • Verkürzung der Lebensarbeitszeit.

Die Vorteile für Kinder, Eltern, Arbeitgeber und nicht zuletzt für die Gesellschaft liegen auf der Hand: Durch die geringere tagtägliche Belastung der Erzieher*innen ergeben sich weniger Krankheitstage. Man hat gesündere Erzieher*innen, die die Kinder besser versorgen können. Die Arbeitseffizienz steigt.
Nicht zuletzt kommen Kolleg*innen, die unfreiwillig in Teilzeit arbeiten, und das sind nicht wenige, näher an eine Vollzeitstelle heran. Denn: Bei z.B. 30 Wochenstunden hat eine Kollegin, die jetzt 20 Stunden arbeitet, dann eine 2/3-Stelle. Und fehlende Stunden können großenteils durch teilzeitarbeitende Kolleg*innen übernommen werden.
Ja, es stimmt: Es gibt zu wenige Erzieher*innen. Aber müssen wir das mit unserer Gesundheit bezahlen? Wenn wir mehr Erzieher*innen wollen, müssen wir diesen Beruf deutlich aufwerten. Arbeitszeitverkürzung wäre ein richtiger und wichtiger Schritt in diese Richtung.

Anmerkungen:
zu 1: Die Argumentation gilt natürlich auch für andere stark belastende Berufsfelder, z.B. in Gesundheit und Altenpflege

zu 2: Es ist zu befürchten, dass bei den Tarifverhandlungen für den Öffentlichen Dienst 2020 das Recht auf Altersteilzeit abgeschafft wird.

*Namen geändert